Ein Morgen wie jeder andere

05.45 Uhr – der Wecker klingelt und regt mich zu meinem ersten morgentlichen Gedanken an – War es nötig, das gestern gekaufte Spiel (Battlefield 2142) gleich zu installieren und auszuprobieren? Es hilft nichts, Strafe muss sein und ich taste mich ins Bad. Das Licht nur leicht dimmen, damit die Aufwachphase etwas hinausgezögert wird und erst einmal das Radio an. Der Nachrichtensprecher verkündet, was mich 40 Minuten später mit aller Härte treffen wird – die BVG hat einen Ferienfahrplan am Laufen, so dass die U-Bahnen auch zur Hauptverkehrszeit nur im 10 Minuten-Takt fahren – na super.
Zähne putzen kann ich glücklicherweise schon auswendig, so dass ich dabei die Augen geschlossen behalten kann. Die nachfolgende Dusche treibt dann doch das Leben in meinen Körper und ich kann sogar die einen oder anderen Takte der laufenden Musik mitsingen (zwar extrem falsch, aber wen interessierts).

Das Ankleiden stellt mich vor eine neuerliche Herausforderung. Hierbei geht es weniger um die farbliche Zusammenstellung oder das Wie des Aussehens, als viel mehr um das Passen der Hose, die ich vor 3 Wochen noch problemlos schließen konnte (zum Mittag gibt es definitiv nur Obstsalat).
Meine „DOCMA“ habe ich leider auch schon ausgelesen, so dass sich die nächste Frage stellt – Was mache ich auf meiner Fahrt zur Arbeit? Ok – Handy ist aufgeladen, Musik ist auch drauf – also wird Umgebungsforschung mit musikalischer Untermalung betrieben.
Ein Kuss für meine noch schlafende Frau (das ist so ungerecht), ein Glas kalte Milch und den obligatorischen Kaugummi eingeworfen, um den Knofigeruch des Chinamannessens vom Vorabend zu verscheuchen und los geht’s.

Dem ersten Lied auf meinem Handywalkman (It`s so hard to say Goodbye) kann ich erst einmal unumwunden zustimmen, dem zweiten auch (In the still of the Night). Ein Blick auf meine Uhr sagt mir aber, dass ich zeitlich korrekt unterwegs bin.

Am Bahnhof angekommen muss ich feststellen, dass der Nachrichtensprecher Recht hatte, die nächste U-Bahn kommt in 9 Minuten. Viel Umgebungsforschung ist noch nicht, den Bahnhof kenne ich mittlerweile besser als die BVG und ansonsten bin ich allein – Die Bahn … Ist die Bahn schon weg? JAAAAAA…!!!
Ok, ein bisschen mitgesummt, zu laut, wie ich an dem amüsierten Blick der mittlerweile neu eintrudelnden Fahrgäste feststelle (schön dass ich zu eurer Belustigung beitragen konnte).
Die gefühlten 2 Stunden sind um und ich kann nun die Vorzüge meines Umweltkartenabos nutzen – stressfrei und superschnell mit der großen Gelben zur Arbeit. Ich betrete den ca. 70 Grad warmen U-Bahnwagon und versuche die Stationen bis zu meinem ersten Umstieg mit dem entziffern der in die Fenster geritzten Hyroglyphen zu überbrücken. Das ist ein sinnloses Unterfangen, so dass ich meinen Blick suchend umherschweifen lasse.

Umsteigen – uups … muss ich nicht noch Zigaretten holen oder hatte ich aufgehört? Bis zur endgültigen Entscheidung dieser Gewissensfrage hole ich mir am nächsten Kiosk eine Schachtel – sicher ist sicher. Und zumindest kann ich mit dieser Aktion das Warten auf die U-Bahn verkürzen, die ja bereits in 9 Minuten kommt.

Auch diese bringt mir optisch keine neuen Anreize, aber das Berliner Fenster gibt es ja auch noch. Werbeendlosschleife… Ein griechisches Restaurant preist seine Gerichte an – Gänsekeule mit Rot- / Grünkohl und Klößen (????). Die WWF will 200 Mark (Hallo..?) für die Rettung der Tierwelt, Robin Wood will mich zum spenden für die Bäume animieren, Amnasty Interntional will Geld für die Freiheit der Menschen. Beim überlegen wem ich in der Bedürftigkeit den Vorzug geben würde, kommt mir der Verkäufer der Strassenzeitung „Die Platte“ in den Sinn, der mir auf meiner Rückfahrt sicher über den Weg laufen wird … und dann ist da noch der Verkäufer des „Straßenfegers“ und der Hund mit dem Bettler dran und die Gitarre mit dem Sänger dran. Ich beschließe MICH an die erste Stelle meines eigenen Bedürftigkeitsrankings zu setzen und habe gleich darauf ein schlechtes Gewissen, ob meines grenzenlosen Egoismus.

Ahhhh endlich ein paar Nachrichten. Schlaudraff wechselt zu Bayern München (Wer ist Schlaudraff?) … kurzzeitig verschwimmen die Buchstaben vor meinen Augen zu „Schlaff drauf“. Noch am sinnieren, ob ich mich diesem Gedanken hingeben sollte, lese ich, dass es anderen bereits so geht – Bastürk bricht sein Training ab, um sich bis zum Trainingslager zu schonen. Die Welt entrüstet sich über das heimlich gedrehte Hinrichtungsvideo von Saddam Hussein und SPD und CDU sind in der Wählergunst schon wieder um ein paar Prozentpunkte gefallen. Also auch da nichts Neues.

2 Abteile weiter sitzt ein Kollege, sieht mich, nickt mir kurz zu und vertieft sich wieder in seine Lektüre. Ihm geht es offensichtlich genau wie mir. Bloß kein Smalltalk um diese Uhrzeit, gefolgt von dem Gedanken „…wie überbrücke ich nur den Weg von der U-Bahn zum Büro“. Dies erledigt sich von selbst, da er es offensichtlich sehr eilig hat – möglicherweise ein wichtiger Termin, um 07.10 Uhr.
Bei meinem Fußweg in Richtung Büro weiß ich plötzlich wieder, warum ich mit der U-Bahn fahre – die Entgelttafel einer Tankstelle streift meinen Blick (Super ist 8 Cent teurer im Vergleich zu gestern – na super).

Am Zeitkartensteckterminal (oder wie auch immer man das Ding nennt) treffe ich wieder auf den Kollegen aus der U-Bahn und weitere Mitarbeiter des Hauses. Ich brülle ein „GUTEN MORGÄÄÄÄHN…“ (verdammt ich habe die Kopfhörer noch im Ohr) und ärgere mich wieder mal über diejenigen, die ihre Zeitkarte stecken und anschließend im gegenüberliegenden Cafe verschwinden.

Der Fahrstuhl kommt und ich steige mit 3 anderen Früharbeitswütigen ein. Der nächste innere Ärger bahnt sich an – es werden die Tasten 1, 3, 7 und von mir die 8 gedrückt und ich überlege, ob ich bei einer geschätzten Größe von 1,64m und einem offensichtlichen Lebendgewicht jenseits der 80 Kilo auch in den ersten Stock mit dem Fahrstuhl gefahren wäre. Dieser wirklich böse Gedanke wird mit einem Bild des morgentlichen Anziehversuchs überdeckt (vielleicht sollte ich zukünftig in den 8. Stock laufen).

Die Etage ist noch jungfräulich, so dass ich die letzten Takte des Liedes laut mitsingen kann.
So lange der Rechner hoch fährt, geh ich erst mal eine rauchen. :smoke_tb:

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